Frau Pfarrerin Monika Kreutz

Pfarrerin Monika Kreutz
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Auf ein Wort mit der Pfarrerin

 

Liebe Gemeinde!

„Suche Frieden und jage ihm nach!“- die Jahreslosung greift dieses Jahr ein ganz großes Thema auf. Die Sehnsucht nach Frieden ist bei allen groß, die tagtäglich Unfrieden erleben, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz.
Auch wenn wir in Westdeutschland 74 Jahre Frieden haben, gibt es noch eine Generation die sich an die Zeiten von Unfrieden und Krieg gut erinnert und den Slogan „nie wieder Krieg“ vielleicht selbst mitgetragen haben- damals. Heute ist das Thema Friede wieder bei allen präsent, die sich politisch beschäftigen und einbringen, haben wir doch manchmal den Eindruck, nie waren wir in der Völkerverständigung weiter vom Frieden entfernt als heutzutage. Scheinbar ist Frieden doch nicht von allen gewollt. Manche scheinen gar den Unfrieden zu brauchen, um sich in ihren Machtspielen selber zu spüren. Frieden muss man wollen. Und meistens muss man etwas dafür tun, damit er sich ausbreiten kann.
Weil er sonst nicht zustande kommt. Es braucht einen ersten Schritt – auch wennder vielleicht der schwerste ist.
Wie angekündigt möchte ich den Blick in dieser Ausgabe von „quo vadis?“ auf den israelisch-palästinensischen Konflikt lenken, der fast das ganze letzte Jahrhundert mit Unfrieden beschäftigt hat und auch heute noch nicht befriedet gelöst ist. Da dieser Konflikt nicht nur ein politischer, sondern auch ein religiöser ist, ist er es wert einmal genauer angeschaut zu werden. Ich skizziere ihn in Grundlagen.
Ca. 1500-1300 Jahre vor Christus zieht das Nomadenvolk der Israeliten nach Kanaan ein, denn Gott hat ihnen dieses Land als ihr „gelobtes Land“ versprochen und verheißen. Gleichzeitig formieren sich hier die „Philister“, an der syrisch-palästinensischen Küste und gründen dort mehrere Stadtstaaten.
Dem jüdische Volk gelingt es nach und nach das Gebiet zu erobern, mitunter auch gewaltsam und ein jüdisches Reich zu errichten.
70 n.Chr. wir der Jerusalemer Tempel von den Römern zerstört. Die jüdische Bevölkerung wird nach dem letzten jüdischen Bar-Kochba-Aufstand 135 n.Chr. in alle Teile des römischen Reiches vertrieben. Juden dürfen nicht mehr in Jerusalem wohnen. Es beginnen fast 2000 Jahre Verfolgung- und Gewalterfahrungen, Ghettoisierung und übler Nachrede der Juden in ganz Europa. Diese erreicht mit dem systematischen Völkermord an 6 Millionen Juden durch die Nationalsozialisten eine neue Dimension.
So liest man die Geschichte in allen „Geschichten Israels“ und so erscheint sie aus dem Blickwinkel des jüdischen Volkes.
Betrachtet man sie jedoch aus den Augen der Palästinenser, klingt dies ein wenig anders. So schreibt Dr. Mitri Raheb (christlicher Palästinenser, Bethlehem): Während der Palästinensischen Geschichte haben viele Länder das Land besetzt und eine gewissen Anzahl von Menschen vertrieben, meistens die Oberschicht und politischen Anführer. Der größte Teil der einfachen Bevölkerung blieb jedoch im Land ihrer Vorfahren.
Dort erlebten sie wechselnde Besetzungen, wechselnde Sprachen, wechselnde Religionen, wechselnde Bezeichnung des Landes von Kanaan, zu Philistia, Israel, Samaria und Juda, Palästina. Und trotz aller dieser Wechsel blieben die Einwohner in dem Land mit einer dynamischen Identität wohnen. „In diesem Sinn stehen Palästinenser heute in einer historischen Kontinuität mit dem biblischen Israel. Die rechtmäßigen Menschen dieses Landes sind die Palästinenser.
Die Palästinenser (Moslems, Christen und palästinensische Juden) stellen ein kritisches und dynamisches Kontinuum seit der kanaanäischen biblischen Zeit, über die Zeit der Griechen, der Römer, der Araber, des osmanischen Reiches bis heute dar.“ (Dr. Mitri Raheb, Faith in the Face of Empire, S. 18f). Somit verstehen sich die Palästinenser heute als die rechtmäßigen Erben des Landes, da sie über all diese Jahrhunderte in diesem Land wohnen geblieben sind.
Auf Grund der zunehmenden Gewalterfahrungen an Juden formt sich in Europa jedoch der Widerstand des „vertriebenen“ Volkes. 1897 ruft Theodor Herzl in Basel auf dem ersten Zionistenkongress den Kampfruf aus, dass die Juden aller Länder sich wieder nach Zion, nach Israel hin versammeln. Es beginnt eine zionistische Einwanderungswelle, die durch die beiden Weltkriege und vor allem ausgelöst durch die Schoah das Land Palästina überrollt.
1922 erhalten die Briten das Völkerbundsmandat über Israel, nachdem sie vorher ein übles Doppelspiel gespielt hatten. Im Krieg hatten sie arabischen Nationalisten die Freiheit verheißen, wenn sie mithälfen das türkische Joch abzuschütteln. Doch schon 2017 versprechen sie in der „Balfour-Erklärung“ den Juden eine „nationale Heimstätte“ in Palästina. Somit war da Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordanien gleich zweimal versprochen. Gegen Ende ihrer Mandatszeit leben rund 2 Millionen Menschen in Palästina, zwei drittel Araber, ein Drittel Juden. In jüdischem Besitz sind weniger als 1/7 des Bodens.
Am 14. Mai 1948 ruft David Ben Gurion Israels Unabhängigkeit aus, die britischen Truppen ziehen aus dem Mandatsgebiet ab. Noch in der Nacht erklären die arabischen Regierungen dem jüdischen Staat den Krieg. Nach dem Waffenstillstand ein Jahr später, bleiben dem palästinensischen Volk noch 22% seines ursprünglichen Territoriums. Über 500 palästinensische Dörfer sind zerstört, ganze Stadtteile in Jaffa, Haifa und Jerusalem von ihren arabischen Einwohnern geräumt. Viele Flüchtlinge fliehen ins angrenzende Jordanien, wo ich im vergangen Jahr noch die Ausmaße der riesigen Flüchtlingscamps besichtigen konnte, in denen nun Palästinenser in 3. Generation in primitivsten Blechhütten wohnen und auf Rückkehr in ihre Heimat hoffen.
Am 29. November 1947 beschliesst die UN-Vollversammlung die Teilung Palästinas in zwei Staaten. Sie spricht dem zu gründenden Staat Israel 56% des Landes zu, davon mehrheitlich Gebiete mit guter Wasserversorgung und fruchtbarem Boden. Das palästinensische Gebiet wird geteilt in ein Stück am Mittelmeer, den sog. Gazastreifen und ein Stück nahe bei Jerusalem, den Jordan aufwärts, die sog. Westbank.
Es folgen Jahre harter Auseinandersetzung, 4 Kriege, Teilung Jersusalems, bewaffneter palästinensischer Widerstand, die sog. „Intifada“, Gründung der PLO, Mauerbau um Bethlehem und die angrenzende Westbank sowie unerlaubter israelischer Siedlungsbau auf palästinensischem Boden. Fährt man nach Behtlehem, ist man überall von einer 9 m hohen Mauer, Stacheldraht, bewaffneten Israelis umgeben und spürt wie einem der eng werdende Raum für die Palästinenser den Atem raubt. Heute ist die Westbank von israelischen Siedlungen zersetzt wie ein Schweizer Käse. Jeden Tag erleben die Palästinenser die aggressivste Siedlungspolitik seit der offiziellen Teilung des Landes 1947. Sie sind Willkür und Gewaltherrschaft ausgesetzt. Ihre Bewegungsfreiheit ist durch über 90 Straßensperren eingegrenzt. Die israelische Besatzungsmacht führt außergerichtliche Tötungen durch, konfisziert Land, zerstört Häuser und ganze Stadtteile der Palästinenser und nimmt tausende Gefangene ohne richterliches Mandat. Die Menschen dort sind ohne Perspektive, hoffnungslos, verzweifelt. Viele Jüngere gehen ins Ausland, lassen Eltern und Familie zurück, teilweise für immer, denn nicht jeder darf zurückkehren. Es ist bedrückend durch diese Stadt und das Umland zu fahren.
Die Zweistaatenlösung ist weit in die Ferne gerückt, keiner weiß, wie es weitergehen soll. Die israelische Führung sorgt mit Sanktionen dafür das Leben der eingesperrten Palästinenser zu erschweren, wo sie nur können. Es gibt nur noch 2 % Christen in Palästina, im Gazastreifen werden die Christen mit dieser Generation ganz aussterben.
„Suche Frieden und jage ihm nach!“ - gar nicht so einfach in einem jahrhundertealten Konflikt. Und doch lesen wir von Friedenscamps zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen, von Camps, die „Gewaltfreie Kommunikation“ durch gegenseitiges Hinhören und sich Respektieren lehren.
Wir hören von Frauengruppen die sich treffen und sich über ihr gemeinsam erfahrenes Leid über den Tod ihrer Söhne und Männer austauschen und sich versöhnen. Ein Rabbi der „rabbies für human right“ Organisation in Jerusalem lehrt uns ihre Philosophie: „Alle Menschen sind von Gott mit der gleichen Würde ausgestattet“, so unser Schöpfungsbericht. Juden wie Christen fundieren auf der gleichen hebräischen Bibel und lesen die gleichen Schöpfungsberichte, die uns sagen: Gott hat den Menschen zu seinem Bild geschaffen, jeden mit gleicher Würde ausgestattet. Keiner hat das Recht sich über den anderen zu erheben. Von Dr. Sumaya Farhat-Naser, Friedensaktivistin lese ich Hoffnungsworte: „Wir können uns den Luxus der Mutlosigkeit nicht leisten“ (Thymian und Steine; eine palästinensische Lebensgeschichte, Basel 1995).
Und Mitri Raheb schreibt: „Auch wenn wir wüssten, dass die Welt morgen untergeht, würden wir noch heute in den Garten gehen und Olivenbäume pflanzen. Hoffnung ist das, was wir im Angesicht der Perspektivlosigkeit tun.“
Anfang dieses Jahres ereilte mich die hoffnungsfrohe Nachricht, dass in Israel die Woman Wage Peace (Frauen-Lohn-Frieden) Initiative am 30. November in Tel Aviv einen großen Friedensmarsch zu den Regierungsgebäuden unternommen hat. Gemeinsam sind jüdische, palästinensische, christliche und muslimische Frauen für den Frieden marschiert. Mit der Parole unserer Jahreslosung 2019 „Suche Frieden und jage ihm nach“ aus Psalm 34,15b haben sie Politiker aufgefordert, nach Frieden zu streben und dementsprechende Gesetze zu verabschieden. „Wir warten nicht auf die nächste Kriegsrunde!“ haben sie gerufen.
„Wir, Zehntausende Bürger und Bürgerinnen glauben, dass die Zeit gekommen ist. Die Zeit ist gekommen, dass wir das Streben nach Frieden verwirklichen, das Israel seit seiner Gründung begleitet. Die Zeit ist gekommen zu handeln, zu beginnen und nichts unversucht zu lassen, Lösungen zu finden. Die Zeit ist gekommen, einen Entscheidungsprozess zu schaffen und zu institutionalisieren, in dem eine fest etablierte, systematische, verantwortbare und sorgfältige Untersuchung der politischen Alternativen ... stattfinden kann. ...Wir arbeiten an solch einem Gesetz, in der schmerzlichen Realität und dem Bewusstsein, in einem langen und schwierigen Konflikt positive Veränderungen zu fördern.
Das Gesetz erfüllt das Gebot: Suche Frieden und jage ihm nach.“

Liebe Gemeinde, diese mutige Initiative engagierter Frauen in Israel hat mir wieder einmal gezeigt: Veränderung ist möglich auf dem Weg des Friedens.
Seien auch wir mutig und versuchen wir den „Frieden zu erreichen“, wie es wörtlich übersetzt heißt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Schalom in Ihrem Herzen, in ihren Beziehungen und in unserer Gemeinschaft.

Herzlichst
Ihre Monika Kreutz, Pfrn.

Zwischen Jerusalem und Amman

Unsere Pfarrerin Monika Kreutz auf einem Pastoralkolleg in Nahost

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